Ethik für alle oder lieber nur für manche?

 

Spätestens seit der parlamentarischen Enquete zum Ethikunterricht letzten Mai ist die Frage, wie Ethik in österreichischen Schulen unterrichtet werden soll, ein (für mich) immer wiederkehrender Punkt in der öffentlichen Diskussion.

Im Wesentlichen gibt es hier zwei Denkrichtungen.

1)   Ethik als Teil des Religionsunterrichts.

Diese Sichtweise wird von den Religionsgesellschaften und der ÖVP vertreten. Wer aus welchen Gründen auch immer am Religionsunterricht nicht teilnehmen will, soll Ethik besuchen. Dass dieser Ethikunterricht von den Religionsgesellschaften konsequenterweise mitbestimmt und von Religionslehrern durchgeführt wird, ist für diese und die ÖVP kein Problem, sondern selbstverständlich.

2)   Ethik als eigenständiger Unterrichtsgegenstand.

Diese Position wird parteipolitisch von den JuLis und den Grünen vertreten. Dabei ist Ethikunterricht von der Frage, ob es Religionsunterricht gibt, völlig unabhängig, weil Religion eben nicht als Ersatz für Ethik gesehen wird.

Natürlich wird diese Position auch von laizistischen Organisationen und den Konfessionsfreien vertreten. Die Initiative Religion ist Privatsache hat eine entsprechende Plattform „Ethik für ALLE“ ins Leben gerufen.

Alm: ein ausdrucksloser Atheist?

Angesichts dieser fundamentalen Unterschiede in der Herangehensweise hat Die Presse zwei Vertreter der Positionen am 5.10. zu einem Streitgespräch (S4. Die Presse vom 14.10.) eingeladen: Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz, der ein paar Tage vorher den verpflichtenden Ethikunterricht für jene, die den Religionsunterricht für sich ablehnen, als sein präferiertes Modell in einem Positionspapier vorgestellt hat und mich.

Das Gespräch war zwar in vielen Dingen inhaltlich konsensual: Unzufriedenheit mit dem Status Quo, Notwendigkeit der Wertevermittlung für alle, etc. Dennoch ist aus dem Interview der am Tisch artikulierte Widerspruch nicht mehr explizit herauszulesen.

Deswegen folgen an dieser Stelle ein paar Eckpunkte meiner Position, die es nicht in die Niederschrift geschafft haben:

1)   Ethik- und Religionenunterricht für alle

Alle Kinder haben das Recht über Religion(en) unterrichtet zu werden, und zwar aus der Außensicht. Es gibt keinen Grund hier an Kinder verschiedene Maßstäbe anzulegen, die sich nach dem Religionsbekenntnis der Eltern richten. Es ist auch nicht mit demokratischen Grundwerten vereinbar, dass in verschiedenen Formen des Religionsunterrichts verschiedene Wertesysteme nach dem Motto „besser irgendwelche als gar keine Werte“ vermittelt werden. Religion ist kein Ersatz für Ethik.

2)   Religionsunterricht hat in der Schule nichts verloren

Es ist nicht Aufgabe des Staates Kinder religiös zu erziehen. Religion ist Privatsache und kann in einem modernen Staat, mit einer ordentlichen Trennung von Staat und Religion, keine Sonderrechte für sich beanspruchen. Religionsunterricht ist ein solches Privileg. Die Möglichkeit Kinder religiös zu sozialisieren steht den Eltern selbstverständlich auch ohne Religionsunterricht offen.
Abgesehen davon kommen Kinder konfessionsfrei zu Welt und gelten in Österreich erst mit 14 als religionsmündig. Ein konfessioneller Religionsunterricht vor dem Alter von 14 ist mit dieser höchstpersönlichen Entscheidung über den eigenen Glauben nicht vereinbar.
Darüberhinaus ist es unfair Kindern einen ordentlichen Ethikunterricht vorzuenthalten und diesen mit Religion zu ersetzen. Im von der ÖVP geplanten Modell würden Kinder auf Grund der Religion ihrer Eltern diskriminiert und der Besuch des Ethikunterrichts zu Gunsten von Religion verhindert.

3)   Religionsunterricht hemmt Integration

Dass die Aufteilung der Kinder in verschiedene Religionsunterrichte integrationsfördernd wirkt, bedarf abenteuerlicher Argumentation, die nur Religionsgesellschaften zu leisten imstande sind. So meint Christine Mann (Leiterin des Interdiözesanen Schulamtes), “denn die integrative Funktion des Religionsunterrichts in seiner Vielfalt steht ja fest: Nur über eine starke eigene Identität kann man sich dem Anderen gegenüber angstfrei öffnen.”

Das Gegenteil ist der Fall: Auch wenn der Religionsunterricht selbst nicht das Trennende in den Vordergrund stellt, führt er automatisch zu einer Wahrnehmung des Andersseins, die bei Kindern sehr oft auch sprachliche oder Unterschiede in ethnischer Herkunft unnötig verstärkt. Nur ein gemeinsamer Ethik- und Religionenunterricht kann die Integration fördern.