Die “Grünen fordern Arbeitszeitverkürzung auf 35-Stunden-Woche” und das finde ich prinzipiell löblich. Ich würde auch gern weniger arbeiten (müssen) und ich glaube auch, dass die Milchmädchenrechnung stimmt: Wenn alle ein bissl weniger arbeiten, dann ist mehr Arbeit für alle da. Und das ist doch gut.
Klar, kann eingewendet werden, dass die Menschen dann halt ihr Pensum in die offiziell kürzere 35h-Wochen stecken und sich nichts ändert. Aber Einzelfälle gibt es immer und generell werden die Arbeitsplätze dadurch sicher mehr und nicht weniger. Außer es gibt eine Rahmenbedingung, die nicht passt. Und die gibt es im Modell der Grünen auch und nennt sich:
Voller Lohnausgleich
Gemeint ist damit: Unternehmen zahlen den selben Lohn für weniger Arbeit.
Liebe Birgit Schatz, das kann nicht funktionieren. Kurz gesagt heißt das, dass die bösen KapitalistInnen, dann nämlich für 12,5% weniger Arbeitsressourcen diesselben Kosten haben.
Wir rechnen das jetzt gemeinsam durch.
Ausgangslage
Bei einer Kürzung der Arbeitszeit von 40h/Woche auf 35h/Woche fällt 1/8 der verfügbaren Ressourcen (= 1,600 Stunden) weg. d.h. ungefähr eine ganze Arbeitskraft zusätzlich wird benötigt. Das geht sich bei dem Unternehmen ganz schön aus, weil es ja 8 Angestellte sind. Wären es nur 2, stünden wir vor dem Szenario, dass es eine Viertelarbeitskraft wäre rein rechnerisch. Aber bei Super-Phi
Bei vollem Lohnausgleich müsste Super-Phi also nur eine Vollzeitarbeitskraft zusätzlich einstellen, um die fehlenden Ressourcen zu ersetzen. Das kostet (ohne Arbeitsplatzinfrastruktur) jedenfall 46,000.- EUR. Das Unternehmen macht aber dann keinen schmalen Gewinn mehr, sondern einen schmalen Verlust.
Können so auf Dauer alle Arbeitsplätze gehalten werden?
Der Vorschlag für die Finanzierung dieses Zusatzaufwandes durch die Grünen lautet wie folgt:
Die Belastung für die ArbeitgeberInnen durch die höheren Stundenlöhne wollen die Grünen mit einer öko-sozialen Steuerreform ausgleichen, indem etwa nicht-erneuerbare Energien stärker belastet und Arbeit entlastet wird.
Äh ja. Was heißt das jetzt genau? Lohnnebenkostensenkung im selben Ausmaß? Oder eine Gutschrift, weil Super-Phi eh Ökostrom bezieht?
Ich begrüße den Vorschlag einer 35-Stunden-Woche wirklich, aber so ist das nicht realistisch.
Ich rege eine 35-Stunden-Woche OHNE vollen Lohnausgleich an. Wenn alle ArbeitnehmerInnen auf 1/8 ihres Bruttogehalts verzichten, dann kann die gesetzliche Wochenarbeitszeit gesenkt werden, dann gibt es mehr Arbeitsplätze für alle. Das wäre echte Solidarität. Jede/r gibt nur einen winzigen Anteil seines Nettolohns ab und alle haben einen Job und mehr Freizeit! Hurra!
5 Responses to Grüne Betriebswirtschaft bei vollem Lohnausgleich
Thomas R. Koll
August 27th, 2009 at 19:53
Ich steh voll auf deiner Seite, würd sogar eine Vier-Tage-Woche empfehlen die etwas unter den 35h liegt. Ich hab ja für mich selber lang überlegt ob ich ned doch die fünf Tage arbeite, aber das bissl extra an netto lohnt kaum noch wegen der Progression. Den fünften Tag verbring ich inzwischen immer im Metalab und programmier um mal meine eigene Firma zu haben. Sollten alle machen, aber ned faulenzen!
PS: Österreich hat ja immer noch die zwotniedrigste Arbeitslosenquote der EU.
PPS: Schön dass bei Super Phi Männer und Frauen das gleiche verdienen :)
Alex
August 28th, 2009 at 01:34
Ich halte die 35-Stunden-Woche ebenfalls für eine gute Idee und gehe sogar davon aus das sie früher oder später kommen wird.
Allerdings habe ich auch einige Bedenken:
1/8 des Gehalts würde ich nicht als “winzigen Anteil” bezeichnen. In vielen Haushalten würde ein fehlendes 1/8 schon zu erheblichen Einschränkungen führen.
All-Inklusive Verträge werden immer üblicher, speziell bei Akademikern. Diese Jobs lassen sich auch oft nicht so einfach reduzieren, da die Arbeitsleistung einer einzelnen, spezialisierten Person benötigt wird. Eine Alternative wären z.B. längere Urlaubszeiten (theoretisch 11 Wochen Urlaub)
Mehr Freizeit bedeutet meist auch höhere Ausgaben für Freizeitaktivitäten.
alm
August 28th, 2009 at 16:15
Alex, der “winzige Anteil” ist natürlich kein winziger Anteil und deswegen ist es auch unverschämt von den Unternehmen zu verlangen das so mir nichts dir nichts zu schlucken.
Aber siehe Toms Statement oben, der absichtlich nur MO-DO arbeitet. Der kriegt ja auch nicht 5 Tage bezahlt…
martin
August 29th, 2009 at 17:49
Dass der Arbeitgeber nicht mehr zahlen will ist klar, aber mMn gesamtwirtschaftlich gesehen (disclaimer: ich bin kein Volkswirt) sogar entscheidend. Denn hoehere Kosten/Stunde fuehren klarerweise (ausser SuperPhi macht gerne Verlust) zu hoehren Preisen, sprich zu einem Inflationsschub. Der fuehrt letztendlich zum selben ergebnis wie die Senkung der Arbeitszeit ohne vollen Ausgleich. (Ganz genauso gilt das natuerlich vermutlich nicht weil ja “nur” oesterreichische stunden teurer werden.)
Andererseits, koennen auch Leute die weniger als SuperPhi mitarbeiter verdienen oft nicht auf einen Teil des Gehalts verzichten (aber das hat Alex eh schon geschrieben).
Was folgern wir daraus? Die Senkung darf sowohl bei Netto (mit der Ausnahme von Spitzenverdienern vielleicht) als auch bei Brutto-Brutto/h keine grossen Veraenderungen bringen. Daher ist die Forderung ohne Senkung der Lohnnebenkosten nicht durchfuehrbar. Ob das mit hoeheren Energiesteuern allein finanzierbar ist, weiss ich leider nicht.
Thomas R. Koll
August 30th, 2009 at 09:26
Ich kann auf dieses 1/8 (bzw. 1/5 bei mir) gut verzichten, verdien aber auch mit Vier-Tage-Woche fast so gut wie der Super Phi Angestellte. Die Differenz muss gar nicht ersetzt werden, wenn dann nur für die Hackler deren Löhne weit unter denen der Anwesenden sind. Und selbst da kann man einfach die Progressionsgrenzen der Einkommenssteuer verschieben und muss keine Wohnbeihilfen oder ähnliches ausgeben.
Dass sich der Staat eine Verschiebung dieser unteren (nicht die oberen!) Progressionsgrenzen leisten kann sollte klar sein: Mehr Arbeitsplätze entstehen und damit gibt’s weniger Arbeitslose.
Und auch dem stereotypischen Alleinverdiener mit Frau und zwo Kindern wird geholfen, weil wenn der bisherige Alleinverdiener einen Tag frei hat kann der Partner arbeiten gehen. Ja, muss vielleicht sogar um das fehlende 1/8 zu ersetzen. Wer weiß, vielleicht wäre das ein viel größerer Beitrag zur beruflichen Gleichberechtigung von Mann und Frau als alles andere bisher.