Charlie – une bande d’athées

„À Charlie Hebdo, nous sommes une bande d’athées. On respecte les croyances, mais on attaque les fanatiques.“

„Wir bei Charlie Hebdo sind ein Haufen Atheisten. Wir respektieren zwar den Glauben, attackieren aber alle Fanatiker.“
Cabu, 2012 in einem Interview mit lepoint.fr

Atheisten, Agnostiker, Laizisten – in den Aufzählungen der Opfer fehlen sie. Eine Erwähnung ist in den meisten Fällen auch gar nicht angebracht – es sei denn sie werden vorsätzlich oder fahrlässig ausgespart. Dann wird damit ihre Existenz negiert.

Die mediale und politische Verarbeitung der Terroranschläge in Paris ist zu einem guten Teil beschämend. Sie ist geprägt von Slacktivism, religiöser Überblendung und Vereinnahmung bis hin zur üblichen Hebelung politischer Vorhaben im Anlassfall. Das soll nicht heißen, dass alles, was jetzt in der gesellschaftlichen und politischen Verarbeitung folgt, verwerflich ist. Sich mit “Je suis Charlie” zu solidarisieren ist legitim – bei manchen ist es eben sehr aufgesetzt (siehe dazu “Ihr seid Charlie, wirklich?” von Jérôme Segal). Die Retter der Meinungsfreiheit waren auch schon einmal weniger, aber es ist erfreulich, wenn manche umdenken. Politische Forderungen aufzustellen und gesetzliche Änderungen anzustreben, ist auch per se nicht falsch und religiöse Anteilnahme darf selbstverständlich auch sein. Wie so oft ist alles eine Frage der Dosis. Und wenn bei gewissen Überdosierungen wesentliche Aspekte verdunkelt werden, dann kann auch das nicht unwidersprochen bleiben.

Und ein Punkt wird in der jetzigen Diskussion gerne ausgespart, weil er – abgesehen von der oben erwähnten Verdunkelung – an sich auch von bescheidener Relevanz ist: die Opfer der Anschläge in Paris sind in großer Mehrheit Laizisten, Ungläubige und deklarierte Atheisten.

jesuisathee

Im Gegensatz zum Anschlag auf ein jüdisches Geschäft, wo die Religion tatsächlich auch das Motiv war, ist bei Charlie Hebdo der Atheismus wohl nicht der primäre Grund des Angriffs gewesen. In diesem Sinn wäre es auch falsch hier von einem anti-atheistischen Anschlag zu sprechen, auch wenn Ungläubige ein natürliches Ziel für Islamisten sind und es insgesamt auch ein Anschlag auf den säkularen, laizistischen Staat war. Die Religion oder Nicht-Religion der Opfer ist auch nur dann von Relevanz, wenn sie eine kausale Rolle spielt. So gesehen wäre über die Weltanschauungen der Opfer auch nicht viele Worte zu verlieren.

Ärgerlich wird es aber dann, wenn die Nicht-Gläubigkeit fahrlässig oder vorsätzlich ausgespart wird, wie in einigen Wortmeldungen der gestrigen Sondersitzung (vom 14. Jänner) im Nationalrat, die mit einer Schweigeminute für die Opfer von Paris begonnen hat. Wenn Johanna Mikl-Leitner in ihrer Rede sagt: “Der Anschlag in Paris war ein Anschlag auf Juden, auf Christen, auf Moslems. Auf alle Menschen, denen Freiheit und Toleranz wichtig ist”, dann fehlen in dieser Aufzählung die Atheisten. Wenn sie die Opfer als “unschuldige Menschen aller Glaubensrichtungen” bezeichnet, dann fehlen in dieser Aufzählung entweder die Ungläubigen, um die es beim Pariser Terror aber hauptsächlich geht oder – noch schlimmer – es wird ihnen unterstellt religiös zu sein. In der folgenden Rede-Runde der Klubobleute, die zu den Anschlägen Stellung genommen haben, war Matthias Strolz überhaupt der einzige, der im Zusammenhang mit Paris auch Laizisten und Atheisten erwähnte. Von den anderen Klubobleuten kam dazu herzlich wenig. Für Reinhold Lopatka war die Ankündigung einer neuerlichen Einführung der Vorratsdatenspeicherung jedenfalls wichtiger.
Ich unterstelle niemandem der Redner Vorsätzlichkeit, aber wenn der überwiegende Teil der Opfer einfach versehentlich und damit fahrlässig ausgespart wird, ist auch das unerträglich.

Genauso unerträglich ist es, wenn die Trauer und die Solidarität mit den Opfern von den Religionsgemeinschaften total überblendet wird. Wenn sich Religionsvertreter in Österreich bei einer Gedenkveranstaltung in die erste Reihe neben die Bundesregierung stellen, dann ist das weniger ein Zeichen echter Anteilnahme, sondern von Vereinnahmung, die diametral gegen die laizistische Ausrichtung von Charlie Hebdo und den Opfern der Redaktion steht.
Jeannette Bougrab – Lebensgefährtin von Charb und ehemalige Staatssekretärin in der Sarkozy Regierung – ebenfalls Atheistin, Verfechterin der Laizität und zutiefst »républicaine« hat sich ganz besonders darüber aufgeregt, dass Christen nach dem Anschlag vor der Redaktion von Charlie Hebdo beten gekommen sind.

Genauso unterträglich ist es, wenn Medien diese Vereinnahmung völlig unreflektiert weitertragen. Wenn Schweigeminuten und Anteilnahme auf einmal zu medial inszenierten Gottesdiensten werden.

Ein Beispiel: Ich war zum Zeitpunkt des Anschlags auf Charlie Hebdo in Sydney. Im australischen TV gab es eine Trauerminute mit Glockengebimmel aus der Notre-Dame.

NotreDame_klein

Das ist den Opfern gegenüber – diplomatisch formuliert – ausgesprochen unhöflich. Bekennende Atheisten werden damit zu Gläubigen gemacht. Ihre Weltanschauung wird damit nicht nur nicht respektiert, sondern einfach negiert.

Unsere Gesellschaft ist nicht nur multireligiös, sie besteht nicht nur aus Anhängern verschiedener Glaubensrichtungen, sondern auch sehr vielen Konfessionsfreien, Agnostikern und Atheisten, die zusammengenommen gut ein Viertel der Bevölkerung ausmachen. Sie einfach zu übersehen, ist rücksichtslos. So zu tun, als gäbe es diese Menschen nicht, ist letztklassig.

 

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